Campersteuerung für den Camperausbau: Camper Jarvis mit SmartKnob und WLAN
Enrico „Rico“ Tank erklärt, wie aus der Steuerung seines eigenen Ducato das modulare System Camper Jarvis entstand. Mit Florian spricht er über den haptischen SmartKnob, drahtlos vernetzte Module für Wasser, Strom, Heizung und Licht, die Konfiguration im Dashboard sowie Entwicklung und Fertigung des Systems. Die folgenden Abschnitte verdichten das Gespräch entlang seiner Kapitel. Aussagen zu Funktionen, Preisen und Verfügbarkeit beziehen sich auf den Stand der Aufnahme. Die Zeitmarken führen zu den jeweiligen Stellen im Podcast.
Vom Kfz-Mechaniker zum Entwickler einer Campersteuerung
Rico ist gelernter Kfz-Mechaniker, studierter Maschinenbauer und arbeitete unter anderem in Getriebeentwicklung, Fahrerassistenz, funktionaler Sicherheit und elektrischer Antriebstechnik. Programmierung und Elektronik kamen im Lauf dieser Stationen hinzu.
Camper Jarvis ist eine Marke der von ihm mitgegründeten Jarvis Labs GmbH. Der Name greift die vernetzte Assistenz aus den Iron-Man-Filmen auf: Im Camper soll ein System unterschiedliche Geräte zusammenführen, statt für jedes eine eigene Anzeige an die Wand zu setzen.
Der eigene Ducato lieferte 2020 den ersten Prototyp
Beim Ausbau seines Ducato störte Rico, dass Batterie, Tanks und andere Komponenten jeweils eigene Panels und Verkabelungen verlangten. Er entwickelte deshalb ohne vorherige Erfahrung im Platinenlayout eine eigene Steuerung und bestellte die erste kleine Leiterplattenserie. Das damalige System läuft zur Zeit der Aufnahme noch immer im Fahrzeug.
Aus dem privaten Projekt wurde eine Produktidee, weil andere Camper die Tablet-Steuerung ebenfalls nutzen wollten. Den entscheidenden Impuls für die heutige Form gab ein offenes SmartKnob-Konzept, das das Team für den Einsatz im Camper von Grund auf neu entwickelte.
Die erste Serie richtet sich zunächst an Ausbaubetriebe
Zum Zeitpunkt des Gesprächs füllt sich das Lager für die erste Produktionscharge. Lieferzeiten und die Abhängigkeit von elektronischen Komponenten aus Asien erschweren eine feste Terminplanung. Zuerst sollen bereits angebundene Kunden bedient werden.
Der Markteinstieg ist vor allem mit Wohnmobilausbauern und -herstellern geplant. Der Verkauf an Endkunden über Webseite und Onlineshop soll anschließend schrittweise folgen. Verbindlich bleibt dabei der jeweils aktuelle Stand beim Hersteller.
Der SmartKnob verbindet Drehen, Drücken und haptisches Feedback
Das zentrale Bedienelement erinnert an einen hochwertigen Lautstärkeregler. Ein kleiner Motor erzeugt je nach Menü spürbare Raster, Widerstände und Endanschläge. Ein Ein-Aus-Menü kann sich dadurch anders anfühlen als eine feine Werteskala.
Im Knopf sitzen außerdem ein rundes OLED-Display, LEDs, Lautsprecher sowie Sensoren für Temperatur, Luftfeuchte, Lage und Anwesenheit. Für ausführliche Werte und Statistiken stellt das Gerät zusätzlich ein Dashboard für Smartphone oder Tablet bereit. Die alltägliche Bedienung soll jedoch ohne großes Display auskommen.
Wenige Schritte statt einer überladenen Oberfläche
Rico entwickelte das Bedienkonzept gemeinsam mit einem externen Designteam. Funktionen sollen mit höchstens wenigen Interaktionen erreichbar sein, Schrift und Kontrast gut lesbar bleiben und der Knopf jeweils nur die gerade wichtigen Informationen zeigen.
Bei der Batterie erscheint deshalb zuerst der Ladezustand. Spannung, Strom und Leistung liegen eine Ebene tiefer; die vollständige Datenansicht bleibt dem Dashboard vorbehalten. So kann auch jemand das Fahrzeug bedienen, der sich nicht selbst mit dessen Technik beschäftigt hat.
Aus einem Lernprojekt wurde zertifizierte Hardware
Platinenentwicklung und Hochfrequenztechnik musste Rico sich zunächst selbst aneignen. Unterstützung aus seinem beruflichen Netzwerk half besonders bei der in die Leiterplatte integrierten WLAN-Antenne. Leiterbahnen, Masseflächen und Bauteilwerte beeinflussen, auf welcher Frequenz und mit welcher Abstrahlung sie arbeitet.
Für die Produktreife ließ das Team die Geräte in einem Prüflabor untersuchen. Rico berichtet, dass Funk-, EMV- und Störfestigkeitsprüfungen mit dem neuen Hardwarestand beim ersten Durchlauf bestanden wurden. Die Erzählung zeigt zugleich, wie weit sich die heutige Serie vom ursprünglichen Hobbyprototyp entfernt hat.
Jedes Modul übernimmt einen Bereich im Camper
Neben dem SmartKnob als Zentrale nennt Rico mehrere spezialisierte Module: Fluidi verwaltet Wasser und Füllstände, Volti bindet elektrische Komponenten an, Switchy schaltet über Relais und der MP verteilt und sichert Stromkreise digital ab. Heati und Thermi verbinden Heizung, Kühlschrank oder Klimaanlage, Leiti steuert mehrfarbige und warm- beziehungsweise kaltweiße Lichtstreifen.
Die Module teilen sich grundlegende Softwarebausteine, ergänzen sie aber um ihre jeweilige Funktion. Heizungs- und Geräteschnittstellen erhalten passende Kabelbäume, während kleine Lichtmodule nahe am Verbraucher sitzen können. Ziel ist, lange Datenleitungen und aufwendiges Konfektionieren im Ausbau zu vermeiden.
Herstellerschnittstellen machen die Entwicklung aufwendig
Eine Lampe lässt sich schnell ein- und ausschalten; eine Heizung hat dagegen mehrere Betriebsarten und lange Start- und Abkühlphasen. Solche Abläufe müssen für jeden Hersteller verstanden und ausführlich getestet werden.
Rico beschreibt die Zusammenarbeit mit Geräteherstellern bislang als konstruktiv. Das Heati-Modul bleibt hardwareseitig gleich und wird über Software und einen passenden Kabelbaum an unterschiedliche Heizungen angepasst. Für den Ausbauer soll der komplexe Entwicklungsaufwand am Ende möglichst in einer einfachen Steckverbindung verschwinden.
Der Ruhestrom hängt von Anzahl und Betriebsart der Module ab
Für viele Module nennt Rico im Gespräch ungefähr 0,3 Watt Eigenverbrauch. Ein Relaismodul benötigt bei mehreren angezogenen Relais mehr. Der Gesamtbedarf ergibt sich daher aus der konkreten Systemausstattung und lässt sich nicht allein am SmartKnob ablesen.
Für längere Standzeiten ist ein sparsamer Modus vorgesehen. Die Geräte sollen dann weitgehend schlafen und nur in großen Abständen beispielsweise Batterie- oder Füllstandswerte prüfen. Auch Display, LEDs und der Motor für das haptische Feedback können bei sehr niedrigem Batteriestand zurückgenommen werden.
Die Bedienung soll trotz WLAN ohne spürbare Verzögerung reagieren
Bei vernetzten Schaltern fällt schon eine Verzögerung von einer Sekunde unangenehm auf. Camper Jarvis hält die Module deshalb verbunden und überwacht die Verbindungsqualität im Hintergrund. Rico demonstriert im Gespräch eine praktisch unmittelbare Reaktion auch bei schnellem wiederholtem Schalten.
Das System kann ein eigenes WLAN aufbauen oder einem vorhandenen Netz beitreten. Im eigenen Access-Point-Betrieb prüft es die Kanalauslastung und kann gemeinsam mit den Modulen auf einen weniger belegten Kanal wechseln. Selbst kurze Neuverbindungen sollen stattfinden, ohne dass der Benutzer sie bemerkt.
WLAN spart Datenkabel und erleichtert spätere Erweiterungen
Die drahtlose Verbindung ist besonders bei Nachrüstungen attraktiv, weil keine neue Datenleitung durch das fertige Fahrzeug gezogen werden muss. Auch im Neubau können Module dort sitzen, wo Strom oder die jeweilige Geräteschnittstelle ohnehin vorhanden sind.
Ganz kostenlos ist Funk energetisch nicht. Rico schätzt, dass eine rein kabelgebundene Kommunikation den Modulverbrauch merklich senken könnte. Für das Team wiegen flexible Platzierung, einfachere Verkabelung und Erweiterbarkeit diesen Anteil auf; ein Schlafmodus soll lange Standzeiten abdecken.
Widgets übersetzen technische Anschlüsse in Camperfunktionen
Bei der Einrichtung beginnt das Dashboard nicht mit Ports und Geräten, sondern mit dem gewünschten Ergebnis. Wer ein Licht hinzufügt, wählt dessen Art, ein geeignetes erkanntes Modul, den Anschluss sowie Name und Symbol. Beim digitalen Stromverteiler lassen sich dazu Sicherungswert und Spannungsgrenzen hinterlegen.
Ein Wassertank wird ähnlich als Widget angelegt. Das System ordnet den angeschlossenen Sensor zu und kann einfache oder unregelmäßige Tankformen beziehungsweise vorbereitete Tankprofile berücksichtigen. Vorgegebene Automationen sollen den Einstieg erleichtern; mehr individuelle Konfiguration ist als spätere Erweiterung geplant.
Serienfertigung kombiniert Zulieferer mit 3D-Druck in Konstanz
Platinen und sichtbare Teile des SmartKnob lässt Camper Jarvis extern fertigen. Für wichtige Komponenten gibt es nach Möglichkeit mehrere Lieferanten. Die Gehäuse der im Schrank verbauten Funktionsmodule entstehen dagegen zunächst im eigenen 3D-Druck.
Damit kann das Team bedarfsgerecht fertigen und Änderungen ohne neue Spritzgusswerkzeuge umsetzen. Spritzguss würde für jedes der zahlreichen Module eine eigene teure Form verlangen und lohnt sich aus Ricos Sicht erst bei deutlich größeren Stückzahlen.
Die Endmontage wurde auf einen Bruchteil des früheren Aufwands verkürzt
Die Leiterplatten kommen weitgehend fertig bestückt an, doch Einkauf, Lager, Zoll, Qualitätskontrolle und Zusammenbau bleiben beim Team. Über mehrere Hardwaregenerationen wurden Bauteile und Montagefolge so angepasst, dass der SmartKnob wesentlich schneller zusammengesetzt werden kann als noch zwei Jahre zuvor.
Die lokale Endmontage gibt Camper Jarvis zugleich die Möglichkeit, auf kleine Serien und Änderungen zu reagieren. Für den Ausbauer sollen dagegen vorkonfektionierte Kabel, Sensoren und Montagematerial möglichst als vollständiges Paket ankommen.
Sensoren sollen Wasserstände und Leckagen gemeinsam überwachen
Zum System gehören eigene Füllstands- und Temperatursensoren. Neu ist bei der Aufnahme ein langes Sensorkabel, das entlang möglicher Leckagestellen im Boden verlegt wird. Wird es an einer Stelle nass, kann Fluidi die Wasserpumpe abschalten und am SmartKnob warnen.
Rico kombiniert diese direkte Erkennung mit der Anwesenheitserkennung des Radarsensors. Ist niemand im Fahrzeug, kann die Pumpe vorsorglich aus bleiben; ist jemand anwesend oder schläft, bleibt der Leckagesensor als zweite Ebene. Die Automatisierung reagiert damit auf unterschiedliche Situationen statt nur auf das Laufmuster der Pumpe.
Haptik und Sprachausgabe verbessern die Zugänglichkeit
Die Anfrage einer blinden Kundin brachte das Team auf eine weitere Nutzung der vorhandenen Hardware. Der SmartKnob kann Menüpunkte und Werte nun auf Wunsch vorlesen. Drehwiderstände, fühlbare Rastpunkte und akustische Bestätigung ergänzen sich dabei.
Die Funktion entstand nicht als abstraktes Extra, sondern aus einem konkreten Ausbauprojekt. Rico sieht darin ein Beispiel dafür, wie Rückmeldungen aus der Praxis die Software auch für Nutzer verbessern können, die visuelle Touchscreens nur eingeschränkt bedienen können.
KI beschleunigt Entwicklung, ersetzt aber Architektur und Tests nicht
Rico nutzt KI täglich für Programmierung und wiederkehrende Abläufe im Unternehmen. Er sieht darin einen großen Geschwindigkeitsgewinn, gerade für ein kleines Team, warnt aber vor der Vorstellung, daraus entstehe ohne Fachwissen automatisch wartbare Software.
Camper Jarvis trennt Funktionen in klar abgegrenzte Softwarebausteine und leitet aus Anforderungen systematische Tests ab. Code-Review, Gesamtarchitektur und kontrollierte Zugriffsrechte bleiben menschliche Aufgaben. KI ist im Gespräch damit Werkzeug innerhalb des Entwicklungsprozesses, nicht dessen Ersatz.
Preise und Verfügbarkeit folgen dem Hochlauf der ersten Serie
Preise möchte Rico zum Aufnahmezeitpunkt noch nicht öffentlich nennen; sie sollen mit dem Onlineshop auf der Webseite erscheinen. Für manche zusätzliche Softwarefunktion erwägt das Team eine einmalige Freischaltung statt eines laufenden Abonnements.
Interessierte Ausbaubetriebe können bereits direkt Kontakt aufnehmen. Camper Jarvis klärt den Bedarf, führt das System am Demonstrator vor und startet häufig mit einem Pilotfahrzeug, bevor eine Serie folgt. Alle genannten Zeitpläne und Geschäftsmodelle können sich während des Markthochlaufs noch ändern.
Fernzugriff soll ohne zusätzliche SIM-Karte auskommen
Das Dashboard ist zunächst im lokalen Fahrzeug-WLAN erreichbar. Ein Fernzugriff funktioniert technisch bereits, ist Rico zufolge aber noch zu kompliziert einzurichten und deshalb noch nicht als reguläre Endkundenfunktion freigegeben.
Geplant ist eine reine Software-Erweiterung über einen ohnehin vorhandenen Router oder Hotspot im Fahrzeug. Camper Jarvis möchte keine weitere SIM-Karte samt eigenem Mobilfunkabo voraussetzen. Fällt der SmartKnob aus oder wird beschädigt, soll außerdem ein anderes Modul die lokale Dashboard-Bedienung übernehmen können.